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DAW Controller statt Maus

 

Obwohl ich mit DAWs aufgewachsen bin, hatte ich lange Zeit noch das Privileg, auf großen Mischpulten wie etwa SSL, Amek oder D&R zu mischen. Über die Jahre wurde es aber immer normaler, diesen Job nur mehr mit Maus und Monitor zu machen. Und im besten Fall noch analog zu summieren. Die Bearbeitung, sprich EQing, Kompression, usw. wird heute großteils mit der Maus und optischem Feedback am Bildschirm erledigt.

DAW Controller statt Maus

Ausgangspunkt

Irgendwann weiß man dann, dass eine Snare einen LoCut bei ca. 90 Hz braucht und die BD ein Frequenzloch bei ca. 400 Hz. Die Pan-Regler für Chorspuren werden automatisch auf dieselben Werte wie immer gestellt usw. … Hinhören wird in winzig kleinen Schritten immer mehr durch "Malen" am Bildschirm ersetzt. Der Vorgang des Mischens wird der optischen Korrektur im Photoshop immer ähnlicher. Das man für teilweise recht große Wertänderungen nur mehr Millimeter mit der Maus zurücklegen muss, macht die Situation auch nicht besser, da die Hand irgenwann zu krampfen beginnt. Der Mixvorgang verliert immer mehr an intuitivem Arbeiten. Das interaktive Ändern mehrerer Parameter  ist mit Maus überhaupt nicht machbar. Ziehe ich beispielsweise einer scharfen Stimme die 3,5 kHz heraus, würde ich gerne die fehlende Präsenz mit dem HiShelfEQ ausgleichen. Am Mischpult konnte ich das noch mit zwei Händen zeitgleich erledigen.

Irgendwann habe ich mit die Frage gestellt, ob nicht ein Teil des kompakten, analogen Klanges auch die Tatsache war, das man mehr hingehört hat und schneller Einstellungen ausprobieren konnte, ohne sich durch Menüs zu klicken. Weiters gab es nur eine EQ und - im besten Fall - einen Kompressor im Kanal. Die beiden Tools kannte man dafür aber ganz genau.

Bei meiner Recherche zur Lösung dieses Problems bin ich auf Console 1 von Softube gestoßen und habe sie mir mitsamt dem mitgelieferten SSL 4000 Kanalzug installiert.

Was kann das Ding?

Jeder Kanalzug hat folgende Elemente:

  • Inputgain mit Hi- und Low-Cut
  • Gate/TransientDesigner
  • 4 Band EQ, Kompressor
  • Drive, Pan und Volume

Die DAW-Integration erfolgt über ein Plug-In in im Insert eines jedem Kanales. 20 Kanalzüge können direkt angewählt werden, dann wird mit +/- Tasten auf die nächsten 20 Tracks weitergeblättert usw. Nach dem Einfügen sind alle Module deaktivert und brauchen noch keine CPU-Leistung. Sobald ich z.B. einen EQ Regler bewege, wird die gesamte EQ-Sektion automatisch aktiviert. Die Regler sind Endlosdrehregler und haben einen Lichtpunkt, der die aktuelle Stellung anzeigt. So kommt es nie zu Wertesprüngen.

Der Kompressor hat im Gegensatz zum original SSL zusätzlich eine regelbare Attakzeit, was seinen Einsetzbarkeit deutlich verbessert. Die Gatesektion ist mit Threshold, Release, Punch und Sustain bestückt. Die letzten beiden Regler arbeiten eher wie ein Transient Designer, als wie Attack und Hold bei einem normalen Gate - ungewöhnlich aber sehr nützlich.

Der absolute Hammer ist die Drive Sektion, dazu aber später.

Was bringt der Controller in der Praxis?

Als Testsession habe ich eine Song mit Vocals, Drumms, Bass, Gitarren und Keys. Das PlugIn ist in jedem Kanalzug und ich verwende für EQ unbd Dynamics ausschließlich Console 1.Erstmal habe ich mit eine Klick einen gesammten Kanalzug griffbereit, der aber noch keine CPU-Leistung frisst. Weil ein Inputregler vorhanden ist, regle ich einige Signal anhand der angenehm großen Inputanzeige nach unten, um nicht versehentlich den Sound später zu verzerren.

Beim EQing merke ich, wie schnell man zu einem Ergebnis kommt, wenn man sofort auf alle Regler zugreifen kann. Ich schalte auch die PlugIn-Anzeige ab und arbeite nur mit den Ohren. Obwohl der 4000erSSL Equalizer als hart bekannt ist, komme ich auch mit den Höhenreglern gut zurecht. Zu meinem Erstaunen klingen fast alle Spuren schnell mal griffig. Das Entfernen von stöhrenden Frequenzen funktioniert trotz der nicht gerade chirurgischen Filter erstaunlich gutt. Die Regler sind groß genug, um auch feine Justierungen vorzunehmen. Die Tatsache, dass ich sofort alle Knöpfe angreifen kann, lädt geradezu zum Experimentieren ein und die Ergebnisse sind durchwegs sehr musikalisch. 

Beim Arbeiten mit dem Low-Cut-Filter beschneide ich manche Signale deutlich weiter oben, als sonst. Wer cutted einen Bass schon unter 110 Hz, auch wenn er gut klingt?

Hier zeigt sich ein Problem des optischen Mischens recht deutlich. Ist das Plug-In Fenster eines EQs im Bereich unter 100 Hz groszügig skaliert, glaubt man z. B.zu viele Bässe zu cutten und setzt den LowCut lieber etwas zu tief an. Eine Mix klingt aber nur dann gut, wenn es für das Ohr passt und nicht für das Auge.

Der Kompressor ist grundsätzlich eher neutral als klangfärbend und auch hier wird selten ein Track überkomprimiert, weil der permanente Zugriff auf die Hardware in Kombination mit dem fehlenden optischen Feedback durch ein offenes Plug-In Fenster zum genauen Höhren zwingt. Wird ein Singal durch die Kompression zu stumpf, kann ich mit der zweiten Hand am Höhenregler sofort ausgleichen. 

Richtig groß und plastisch wird es aber erst, wenn man beherzt zum Drive-Regler greift. So manche BD bekommt dann erst den Männer-Wums, Stimmen bleiben leichter vorne und Bässe werden oft dann erst richtig hörbar. Zerrt es zuviel kann man durch Linksdrehung des Charakter-Knopfes die Sättigung in den Höhen reduzieren. So bekommte man subjektive Lautheit, ohne das Instrumente verzerrt klingen.

Das man mit dem Gate auch wie mit einem Transient Designer arbeiten kann, ist gerade bei Naturdrums oft sehr nützlich und erspart die Zeit, ein neues Plug-In zu öffnen.

Mein Ergebnis

Ich neige generell dazu, in den tiefen Mitten zu fett zu mischen. Dieser Mix ist aber auf Anhieb sehr ausgewogen. Das Konzept des Hörens statt optisch zu mischen scheint gut zu funktionieren. Auch Panoramapositionen der einzelnen Spuren sind tweilweise ganz anders als bei meinen bisherigen Mischungen. Die einzelnen Spuren sind deutlich besser verteilt als sonst. 

Die Tasache, dass man hauptsächlich mit einem Kanalzug arbeitet, hat für mich zwei Vorteile:

  1. Ich kenne meine Tools viel besser und kann sie trotz mancher Unzulänglichkeiten viel besser einsetzen.
  2. Ich vergeude keine Zeit mit Suchen von Plug-Ins, deren Stärken und Schwächen ich ohnehin nicht kenne.

Generell laden die vielen sofort greifbaren und richtig beschrifteten Knöpfe zum Experimentieren ein. Auch die gute Haptik des Controllers und die immer richtige Position der Regler durch den LED-Kranzes macht richtig Spaß. Aufpassen muss man nur bei der Kanalselektion, da man sonst schnell mal am faschen Kanal schraubt. Erwähnen möchte ich noch, dass ich selten so schnell mit einer Mischung feritg und gleichzeitig mit dem Ergebnis zufrieden war. Der Zugriff auf alle Regler eines Kanalzuges beschleunigt scheinbar auch den Workflow insgesamt. 

Zwei kleine Minuspunkte möchte ich noch erwähnen

Die Intergration in Pro Tools ist nicht ganz so gut wie in anderen DAWs, weil Volume- und Pan- und Send-Regler nicht auf den DAW eigenen Mixer zugreifen können. Die Send-Regler funktionieren überhaupt nicht und Volume/Pan wird im Plug-In selbst geregelt. Wenn man im beispiesweise an der Console 1 den Volume-Knopf dreht, bewegt sich im Cubase tatsächlich der Fader des Kanalmixers.

Obwohl man mittlerweile 5 perfekt angepasste Kanalzüge bei kaufen kann und sich alle Plug-Ins von Softube und viel von UAD laden und auch steuern lassen, gibt es keinen neutral klingenden, vollparametrischen EQ. Damit ist der Einsatz in der Post Pro nur eingeschränkt möglich. Gerade beim Location Recording gibt es viele Resonanzfrequenzen zu beseitigen. Das wäre mit einem so gut bedienbaren Harwarecontroller viel einfacher und man bekommt nicht so schnell Krämpfe in der Maushand wegen der viele kleine Mausbewegungen.

Entgültiges Fazit

Die Arbeit mit einem guten Mixcontroller beschleunigt nicht nur die Arbeit, sondern führt auch zu besseren Ergebnissen, weil man mehr mit den Ohren, als mit den Augen arbeitet. 

Wie immer freue ich mich über Anregungen zu diesem Blog-Beitrag. Er darf natürlich gerne auch geteilt und anderweitig verbreitet werden :-)

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